Von 1961 bis 1995

Von Nachwuchsmangel war jedoch beim RC Düsseldorpia zunächst noch nichts zu spüren. Mit fröhlichen Gesichtern stellten sich vor dem Start zur Vereinsmeisterschaft des Jahres 1961 nicht weniger als zwölf junge Sportler dem Fotografen, darunter auch die Jugendfahrer Klaus Niepenberg und Hans-Josef Heithorn. Vereinsmeister bei den Amateuren wurde in jenem Jahr Jürgen Ulrich, Niepenberg und Heithorn gewannen die Meisterschaft in der A- und B-Jugend. Diese drei blieben lange Jahre Leistungsträger des Vereins und konnten beachtliche Erfolge erzielen. Jürgen Ulrich freut sich noch heute besonders über seinen Sieg beim siebten Städtekampf zwischen Rotterdam und Düsseldorf am 20.5.1964. Er war mit einer Vierergruppe eine Minute vom Feld weggekommen und konnte im Endspurt Manfred Kühn und den für Düsseldorf startenden Spanier Juan Gomez auf die Plätze verweisen. Erst an vierter Stelle kam der spätere niederländische Olympiasieger und Profi Dolman durchs Ziel. Ulrich: „Normalerweise hätte ich nicht gewinnen können. Kühn war stark wie ein Stier, und auch Gomez fuhr sehr gut. Aber am Anfang der langen Zielgeraden tauchte plötzlich der alte Heithorn auf, schwenkte wie wild seine Krücke und brüllte: Du schaffst es, Jürgen! Ich wie der Blitz ‚raus aus dem Sattel, die anderen waren völlig überrascht, und so hat es bis ins Ziel gereicht!“ 1970 hängte Ulrich aus persönlichen Gründen die Rennschuhe an den Nagel. Klaus Niepenberg, sein Widersacher bei zahllosen Vereinsmeisterschaften, ist dagegen heute noch aktiv. Mehr als 35 Jahre Radsport konnten ihm sein lebhaftes Temperament nicht nehmen, und irgendwie ist die folgende kleine Geschichte typisch für ihn. „1967“, so erzählt er, „hat man mich nicht für die Vierer- Landesverbandsmeisterschaft aufgestellt. Mit Wut im Bauch startete ich daraufhin in einem am gleichen Tage stattfindenden Kriteriumsrennen am Ostpark, und obwohl ich kein Sprinter bin, hab‘ ich bis auf eine alle Wertungen und damit auch das Rennen gewonnen. “

Hans-Josef Heithorn, da waren sich alle einig, würde es im Radsport ganz weit bringen. Neben seinem großen Talent und seiner Kampfstärke hatte er auch noch einen radsportbegeisterten Vater, den schon erwähnten Josef Heithorn nämlich, seit 1963 1. Vorsitzender bei Düsseldorpia, der ihn nach Kräften förderte. Sportliche Vorbilder, denen er nacheifern konnte, gab es Anfang der 60er Jahre in Deutschland genug: Rudi Altig etwa, Hennes Junkermann oder Rolf Wolfshohl. Junkermann hätte nach Meinung von Experten mit mehr Selbstvertrauen die Tour de France 1960 oder 1961 gewinnen können. Am Ende sprangen nur“ die Plätze 4 und 5 für ihn heraus. 1962 wurde das Tourfieber in Deutschland erneut angeheizt: Altig eroberte auf der ersten Etappe das gelbe Trikot und holte sich insgesamt drei Etappensiege, Wolfshohl glänzte am Tourmalet. Da wollte der kleine Hans-Josef nicht nachstehen und gewann 1963 und 1964 mal eben den „Cycles-Peugeot-Pokal“, eine Auszeichnung für den besten Jugendfahrer der Bundesrepublik. 13 Siege, 9 zweite, 10 dritte Plätze und 8 weitere Plazierungen allein 1964 sprechen für seine Klasse. Weit hinter ihm: Wilfried Trott, heute Deutschlands erfolgreichster Amateurrennfahrer aller Zeiten. Die Saison 1965 eröffnete Hans- Josef als Bezirksbester im Querfeldeinfahren, und im April feierte er beim Enners-Motobecane- Preis“ in Düsseldorf auf der Danziger Straße bereits den 25. Sieg. 1967 mußte Heithorn in der C- Klasse starten, und somit traf er am 4. Juni bei der Bezirksmeisterschaft der Bahnamateure in Krefeld auf seine Vereinskameraden Ulrich, Niepenberg und Adolf Müller. Alle drei Läufe wurden von Fahrern des RC Düsseldorpia gewonnen. Das Fliegerrennen über 1000 m sicherte sich Ulrich vor Heithorn, beim Zeitfahren über 1000 m war es umgekehrt, und beim 4000-m-Verfolgungsrennen siegte Adolf Müller vor seinem Bruder Berend.

Hans-Josef Heithorn hat im Laufe seiner kurzen Karriere, die er als 23jähriger 1971 beendet hat, mehr als vierzig Rennen gewonnen, u.a. auch 1969 auf der „Kö“. Warum hat er nicht weitergemacht? „Seit Ende meines 13. Lebensjahres bestritt ich jeden Samstag und Sonntag Radrennen. Als Rennfahrer mußt Du den unbedingten Siegeswillen mitbringen, um Erfolg zu haben, und das bedeutet in erster Linie Training, Training und nochmals Training. Wir haben damals so intensiv trainiert, daß wir einmal sogar ein parkendes Auto übersehen haben und aufgefahren sind. 1968 spielte ich mit dem Gedanken, wie mein großes Vorbild Udo Hempel Profi zu werden. Bei einem Urlaub in Belgien, wo ich jeden Tag Rennen fahren konnte, kamen mir jedoch Zweifel, ob ich jemals genug Geld verdienen würde, um auch nach dem Sport noch davon leben zu können. Die „Kirmesrennen“ für Profis waren immer erstklassig besetzt, so daß selbst unsere damaligen Größen Junkermann und Altig es sehr schwer hatten, sich gegen die Teams durchzusetzen. Nachdem ich den Entschluß gefaßt hatte, meine Karriere zu beenden, habe ich mich mit gleichem Einsatz in meinen Beruf gestürzt“, erzählt „Jupp“ heute, und man muß schon sehr genau hinhören, um einen bedauernden Unterton wahrzunehmen .Die Liste der Fahrer, die in den 60er und 70er Jahren im Trikot des RC Düsseldorpia fuhren und Erfolge erzielten, ist lang. Lorenz Sprenger, Manfred Saß, Mario Serlini, Norbert Wirtz, Karsten Ulrich, Harald Nyenhuis und Rüdiger Rabenstein sind nur einige davon. 1970 gärte es im Düsseldorfer Radsport. Die Vereine konnten die Forderungen der Fahrer nicht mehr erfüllen. Bis dahin hatten sich Radvereine weitgehend selbst finanziert. Bescheidene Sachpreise wie ein „Messerhaarschnitt im Werte von DM 7,-„, den Hans-Josef Heithorn 1964 bei „Rund um die Rüttesburg“ in Dortmund gewann, aber bis heute nicht einlöste, waren üblich.

Jetzt begann für die Vereine eine problematische Spirale: Leistung nur für Geld, Geld jedoch nur für (vorzeigbare) Leistung. Bekannte Rennfahrer wie Udo Hempel und der als äußerst talentiert geltende Ralf Stambula verließen ihre Heimatstadt und gingen nach Büttgen. Dies führte schließlich zur Gründung einer Interessengemeinschaft der drei führenden Vereine RC Düsseldorpia 1890, RSV 1911/12 und RSV Rath 1951. Gemeinsame Trainings- und Radsportveranstaltungen sollten durchgeführt werden. Aber diese Maßnahme konnte die Abwanderung Düsseldorfer Rennfahrer nicht dauerhaft aufhalten. Ohne Sponsoren lief bald nichts mehr. Die Trikots in den traditionellen Vereinsfarben -silbergrau mit schwarzem Brustring bei Düsseldorpia- wanderten auf den Müll. 1977 jubelten die deutschen Fans, als Didi Thurau 15 Tage die Tour de France anführte. Viele wollten ihm damals nacheifern. Zwischen Wollen und Können ist jedoch ein himmelweiter Unterschied, und so kam es, dass in den 70er und 80er Jahren die Bürde sportlichen Lorbeer für die Landeshauptstadt einzufahren, vorwiegend auf den Schultern der altbekannten Rennfahrer ruhte, die aus familiären oder beruflichen Gründen nicht mehr wechseln wollten. Der in zahllosen Rennrunden „gereifte“ Fritz Schiffer lief 1980 im Alter von 46 Jahren zur Hochform auf und konnte den AGFA-Gevaert-Pokal für seinen 1. Platz in der Rennserie der IG Senioren in Empfang nehmen. Von den 13 Rennen gewann er drei und belegte zweimal den zweiten und dreimal den dritten Platz. Sportliche Höhenflüge hat es danach in den 80er Jahren für die aktiven des RC Düsseldorpia nicht mehr gegeben. Die wenigen Nachwuchstalente betrieben den Radsport nicht konsequent genug. Um so höher ist es dem Verein, der 1983 Horst Drechsler zum 1. Vorsitzenden wählte, anzurechnen, dass er nicht resegnierte, sondern weiter Rennen veranstaltete und nach neuen Wegen suchte, um sportlich überleben zu können. Über viele Jahre war das Rennen „Rund um den OstparK“ ein fester Bestandteil des Düsseldorfer Sportkalenders. 1983 mußte man wegen baulicher Veränderungen nach Flingern umziehen. Seit 1987 wird an der Sohnstraße um Siege und Platzierungen gekämpft.

Ein weiteres Standbein war der Breitensport. Bereits Mitte der 70er Jahre war die Idee entstanden, auf den Trainingsstrecken der Rennfahrer Radtourenfahrten (RTF) für jedermann zu organisieren. Diese Veranstaltungen erlebten bald einen enormen Aufschwung. Auch bei Düsseldorpia fanden einige Fahrer und Fahrerinnen wie der später tödlich verunglückte Bernhard Heithorn oder Waltraut und Siegfried Schmitt Spaß an der Kilometerfresserei, erstrampelten sich am Wochenende ihre Punkte und wetteiferten zum Jahresende miteinander, wer mehr Kilometer gefahren hatte. Daß das Tourenfahren abseits der Rennstrecken durchaus faszinierend sein kann, bestätigt Rennfahrer Norbert Wirtz: „Mir hat der Rennsport in 30 Jahren viele schöne Momente geschenkt. Doch das Größte bleibt für mich wegen der tollen Kameradschaft und der fantastischen Stimmung die Deutschland-Radrundfahrt, an der ich 1981 mit Bernhard und Josef Heithorn, Harald Nyenhuis und Siegfried Schmitt teilgenommen habe“. Die Deutschland-Radrundfahrt führte damals über 8 Etappen und 1261 km von Köln bis München und zurück. Harald Nyenhuis stimmt ihm zu: Das war schon eine tolle Sache. Wir wurden überall von einer großen Menschenmenge begeistert begrüßt. Vor Aschaffenburg mußten wir sogar mal bei strömendem Regen eine halbe Stunde in einem Waldstück anhalten, weil der Bürgermeister, der uns offiziell auf dem Marktplatz empfangen wollte, noch nicht erschienen war. In München durften wir eine Ehrenrunde im Olympia-Stadion drehen und anschließend im olympischen Dorf übernachten.“ Ein Drittel der aktiven Vereinsmitglieder betreibt heute den populären RTF-Sport als Hobby.

1987 kam Ralf Stambula zu uns. Der 1954 geborene zweifache Deutsche Meister von 1975 und 1978 im Bahnvierer und Dritte bei der Steher-WM in Barcelona 1982, der 12 Jahre zur bundesdeutschen Nationalmannschaft gehörte, hatte seine Karriere nach einem schweren Sturz abgebrochen und wollte als C-Fahrer einen ruhigen Sportlerlebensabend genießen. Aber die Katze läßt das Mausen nicht, und so wurde aus einem Hobbyrennfahrer ganz schnell wieder ein heißer Sieganwärter. Er gewann 1993 den „Kempener Osterpreis“ und Rund um die OPD“. Das bedeutete für ihn auf seine „alten Tage“ noch mal den Aufstieg in die B-Klasse. Durch ihn konnte 1988 eine weitere Variante des Radsports bei Düsseldorpia Fuß fassen: Mountainbiking. Die traditionellen Radvereine, die bis dahin das bunte Volk der Mountainbiker mit Skepsis betrachtet hatten, mußten einsehen, daß junge Leute heute fast nur noch über das MTB zum Rennfahren zu bewegen sind. Nach einem erfolgreichen Gastspiel in der MTB- Szene ist Stambula zum Rennrad zurückgekehrt. Die Mountainbiker aber sind geblieben, und mit ihnen ist auch der sportliche Erfolg zu Düsseldorpia zurückgekommen. Der LTU-Pilot Jürgen Weidig konnte zwischen 1990 und 1993 einige Siege herausfahren, und 1994 konnte der Juniorenfahrer Markus Breuer mit 5 ersten und 4 zweiten Plätzen überlegen den „Stevens-Cup“ gewinnen. Vier Jahre – von 1990 bis 1993 veranstaltete der RC Düsseldorpia auf dem Standortübungsplatz der Bundeswehr in Düsseldorf- Knittkuhl sogar ein eigenes MTB-Rennen, das enormen Anklang unter den Fans fand und regelmäßig große Starterfelder aufwies. Aus nicht recht nachvollziehbaren Umweltgründen wurde das Rennen 1994 von der Landschaftsschutzbehörde nicht mehr genehmigt. Angeblich hatte es zu viele nichtorganisierte Mountainbiker angezogen, die bei ihren Trainingsaktivitäten keine Rücksicht auf Anpflanzungen und Aufforstungen genommen hatten.

Trotz dieses Rückschlags wuchs die MTB-Abteilung weiter. Einige Mountainbiker haben inzwischen Spaß am Rennrad gefunden, und somit besteht Hoffnung, daß der Straßenrennsport bei Düsseldorpia nicht untergeht. 1990 wurde Düsseldorpia hundert Jahre alt. Das war ein Grund, wieder mal groß zu feiern. Die Laudatio im vornehmen Festsaal im Regierungspräsidium Düsseldorf an der Cecilienallee hielt, vor zahlreichen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Sport, der Sportwissenschaftler Prof. Dr. Rösch von der Universität Düsseldorf. Ganz nebenbei“ wurden auch noch drei Rennveranstaltungen, darunter Düsseldorfs Renommierrennen „Rund um die Kö“, und eine Radtouristikfahrt organisiert. Dem Stadtarchiv Düsseldorf war unser Jubiläum einen Eintrag in der 1995 erschienenen „Chronik 1945 bis 1994“ wert, und Bundespräsident Richard v. Weizsäcker zeichnete den Verein für sein bereits viele Generationen währendes erfolgreiches und verdienstvolles Wirken mit der Sportplakette aus. Unser Ehrenvorsitzender Franz Thanscheidt und Josef Heithorn (beide verstorben) nahmen sie am 17.10.1992 im Rahmen einer Feierstunde in Lemgo aus der Hand des damaligen nordrhein-westfälischen Kultusministers Hans Schwier entgegen.

Nach soviel Rückblick auf eine glorreiche Vergangenheit ist die Frage berechtigt, ob der RC Düsseldorpia noch eine Zukunft hat. Klar ist, daß der Verein nur dann weiter bestehen kann, wenn sich auch unter den Urenkeln der Gründergeneration einige finden, die mehr in ihm sehen als nur eine Geschäftsstelle, in der die Lizenzen ausgegeben werden. Die Bereitschaft der Menschen, sich ehrenamtlich zu engagieren, nimmt jedoch, will man den Medien Glauben schenken, ab. Zugleich muß der Radsport mit vielen anderen Sportarten konkurrieren. Aus dem immer noch zunehmenden Automobilverkehr resultieren weitere Beschränkungen.Die Zahl der Radrennen ist weiter rückläufig – in Düsseldorf sind von ehemals mehr als 10 Straßenrennen gerade mal noch drei oder vier übrig geblieben.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Der frühere Düsseldorpia-Fahrer Dr. Rüdiger Rabenstein (†) beleuchtet in seinem Buch „Radsport und Gesellschaft“ die sozialgeschichtlichen Ursachen des Fahrradbooms in Deutschland im Gründungsjahr 1890. 100 Jahre später kann man durchaus von einer Renaissance des Fahrrades reden. Parallelen zu damals fallen auf: das „Bike“ lockt nach dem Technologiesprung der letzten zehn Jahre heute wieder mit „High Tech“, ermutigt durch den zunehmenden, ökologisch motivierten Widerstand gegen das alles beherrschende Automobil begreifen Radfahrer sich als fortschrittlich-umweltfreundlich“ und fordern lautstark gegen Proteste und Anfeindungen aus dem „konservativen“ Lager der Autofahrer ihre Rechte im Straßenverkehr ein. Das Fahrrad bedeutet im stehenden Verkehr der Städte wiedergewonnene Mobilität. Mit dem Arme-Leute-Image ist es, „dank“ vierstelliger Preise, vorbei. Bei Fahrrädern ist alles erlaubt, was gut, teuer und originell ist. Radreisen sind ein lukratives Geschäft für die Tourismusbranche geworden. Die Zeit eines Thomas Stevens (s. I. Kapitel), der auf seiner Weltreise sein Gepäck noch in einer Kleiderrolle am Lenker seines Hochrades mit sich führte, ist vorbei. Eine ganze Industrie lebt heute davon, reiselustigen Radfahrern tropentaugliche „Equipments“ zu liefern. Es ist gut möglich, daß in dem Maße, in dem die Bedeutung des Fahrrades als Verkehrsmittel wächst, auch das Interesse am Radsport zunimmt. Sportliche Leitbilder fehlen nicht. Heute gibt es in Deutschland wieder mehrere Berufsrennställe und mit „Team Deutsche Telekom“ endlich auch ein international erfolgreiches Profi- Team, das 1996, als der Däne Bjarne Riis die Tour de France vor Jan Ullrich gewinnen konnte und Erik Zabel das begehrte grüne Trikot erspurtete, endgültig aus dem Schatten der französischen, belgischen, spanischen und italienischen Rennställe heraustrat.

Stand der Chronik ist das Jahr 2000.

Top